Ein paar Gedanken vorab

von Horst

Auf der Startseite steht: „Das Leben nehmen“. Eigentlich gehört Dein Leben doch Dir, denkst du. Also hast auch nur du allein das Recht, es Dir zu nehmen. Oder? Schon sind wir mittendrin im Wust der ungeklärten Gemütslagen, den man auch gerne „Seele“ nennt. Allgemein wird geglaubt, der/die Einzelne besitze zwar sein Leben, das sei sein grundlegendes Eigentum, wie Locke meinte, – aber am Ende wird es uns weggenommen. Von Gott, oder vom Schicksal, oder vom Teufel, oder von wem auch immer. ´Mein Tod gehört mir` (so auch der Titel eines klugen kleinen Buches von Svenja Flaßpöhler, 2013), das wird als eine bornierte und freche, ja sündhafte Behauptung abgewiesen.

Schon merkwürdig, dass ich etwas, was mir gehört, mir nicht nehmen darf. Aber man kann es ja auch so sehen zu sagen, dein Leben gehört gar nicht Dir, es gehört Gott, dem Staat, der Familie, der Gesellschaft, wem auch immer. Wir werden das aufzugreifen haben.

Jeder Freitod sollte „wohlerwogen“ sein.
Wie sieht es aktuell bei Dir aus? Ist Dein Denken und Vorstellen akut von Suizidabsichten besetzt? Dann bist Du hier falsch. Dir geht Pathologisches durch den Kopf. Dir hilft kein Lesen, Du brauchst Gespräche, Gespräche. Telefon
0800-1110111 (auch anonym)

Wir verhandeln hier den Freitod als einen Bilanz- und Alterssuizid. Dieser eigentliche Freitod fristet noch das Dasein eines Mauerblümchens, die pathologischen und die Verzweiflungssuizide überwiegen eindeutig. Und viele scheitern.

Die sorgfältig geplante Freitodabsicht klingt anders: „Alles war mir letztlich angemessen, ich hatte ein reiches, ein schönes Leben. Aber nun ist es gut. Es wird Zeit zu gehen.“ Eine schöne kleine Broschüre in dieser Tonlage hat Ines Moll-Schmidhäuser geschrieben, Aus freiem Willen gehen, DGHS-Schriftenreihe Nr. 14.
An ein bestimmtes Alter ist natürlich auch der Bilanztod nicht geknüpft, natürlich spielt auch die körperliche und geistige Verfassung eine gewichtige Rolle. Es kann dann auch halt zu spät sein. Hast du Deinen Bodensatz an Verdrängungen kritisch im Blick?

Weitgehend gilt der Freitod noch als ein Tabu. Aber der Tod schlechthin wird ja auch weitgehend tabuisiert. Zumindest solange er für uns noch nicht wirklich da ist. Hernach folgen die salbungsvollen Worte. Eine klarere, nüchterne Betrachtungsweise kommt aber voran, besonders seit dem Beginn dieses Jahrhunderts.

Traditionell besaß der „Selbstmord“ als heroische Ausnahme von der Regel zwei Rechtfertigungen: zum einen die verlorene „Ehre“ (das letzte Duell in Deutschland wurde 1937 ausgetragen) zum zweiten gab es und gibt es den gewollten (?) Opfertod (die christlichen oder sonstigen Märtyrer/innen). Den einen wurde Respekt zuteil, die anderen hat man oft bewundert.

Beides ist in unserer demokratischen Zivilgesellschaft nahezu verschwunden. Zugleich aber sehen wir, wie grausam eine künstliche, medizinisch-technische Lebensverlängerung sein kann, mit all ihren Ermahnungen zum Durchhalten – eine neue Version des Opfertods? Werden wir Opfer einer Instrumentalisierung?
In der Antike wurde Hegesias als „Selbstmordprediger“ bekannt (Peisithanatos =„der zum Tod Überredende“). In dessen Fußstapfen wollen wir nicht treten. Wir sind keine Suizid-Prediger und hoffentlich auch frei davon, uns in aller Eitelkeit mit einem interessanten Thema ins Schaufenster zu stellen. In aller Geringfügigkeit wollen wir uns an einem Kulturwandel beteiligen, wie er bereits eingesetzt hat: den Tod zu entmythologisieren.

Bleib also locker und halte lächelnd Distanz zum Reden der Leute.
Der Schritt in den mors voluntari, in den Freitod, ist wahrlich nicht leicht, gerade auch beim Alterssuizid nicht. Selbst wenn du das Gerede der Leute , so ein „Selbstmord“ sei doch abwegig, hinter dir gelassen hast, musst du Dir noch viel Selbstsicherheit, auch Demut (nimm Dich und Dein kleines Leben nicht so wichtig…) und Tapferkeit aneignen.
An der Debatte um den sogenannten assistierten Suizid wollen wir uns nicht beteiligen. Auch in der Schweiz, wo es Exit gibt, wird diese Debatte in aller Heftigkeit geführt. Für uns hier im Blog ist diese Debatte ein Nebengleis. Menschen, denen beispielsweise auch von ärztlicher Seite „ein unerträgliches Leiden“ eingeräumt wird (und die in Deutschland trotzdem nicht sterben dürfen, stattdessen u. U. sediert werden) betteln, so sie ihre Lage klar erkennen, um den Verzweiflungssuizid.

Bewahre Dir die Freiheit, aus eigenem Entschluss zu gehen.

Du hast ein Recht auf Leben, klar. Aus diesem Recht kann aber keine Pflicht zum Leben ableitbar sein. Unsere Bevormunder in der Suizidfrage spielen mit Tabus, mit Deinen Ängsten, auch mit Deiner Autonomie und Deinem Selbstbestimmungsrecht. Und sie stützen sich dabei unterschwellig auf den Vitaltrieb, den Selbsterhaltungstrieb, wie er sich mit aller Heftigkeit zu melden pflegt.

Ach, da fällt uns gerade ein weiser Satz des römischen Dichters Lukrez ein. “Neues Vergnügen bildet sich nicht durch längeres Leben.“ Ja, es gibt das überlange Leben. Seneca sah es bei den Toren, und er hoffte, auch diese würden noch weise werden. Bisher vergeblich.

Albert Camus meinte, „Die Frage nach dem Selbstmord ist das wichtigste philosophische Problem überhaupt.“ Warum? Weil es wirklich schwierig ist, ein Urteil (also auch emotional) darüber zu fällen, wann ein Leben „satt“ ist, wann es nicht mehr lebenswert ist. Die Menschen laufen vor dieser Frage in aller Regel davon.
Der konsequente Entschluss zum Freitod wird immer ein einsamer sein. Es ist keine gesinnungsethische Entscheidung. Da würdest du Gefolgsleute finden oder dich anschließen. Es ist eine verantwortungsethische Entscheidung. Du wirst dabei mit verkrusteten Denkweisen, Tabus, Ängsten und Verdrängungen konfrontiert, wie sie auch zäh in dir selbst leben. Von einem gelassenen Verhältnis zum Tod sind wir noch sehr weit entfernt.

Manches hier im Blog ist wenig geordnet, manches vielleicht auch unausgegoren, und es wird sicherlich auch rethorische Wiederholungen geben. Diese Wiederholungen werden wahrscheinlich aber auch den Schreiberlingen selbst gut tun. Das Sterben kann man nicht übend lernen, weil es ein einmaliger Vorgang ist. Aber man kann sich in die Gedankenwelt eines freien und würdevollen Sterbens wiederholend mehr und mehr hineinbegeben.

Die wichtigsten Leitfragen, die uns bei den Beiträgen Orientierung geben,finden Sie nebenstehend.

LF 4 (4) ICH WILL

LF 4 (4) Ich will
Ich will nicht in Angst und Furcht sterben. Ich will einfach und vertrauensvoll gehen, will einsehen, dass mein Lebensende sinnvoll ist. Dankbar will ich sein, überhaupt sterben zu dürfen.
Schrecklich sind nur ein langes, nutzloses Siechtum und Leiden; der Tod selbst ist nichts dergleichen. Nein, ich gehe nach Hause und es wird Frieden sein.
In meine ursprünglichen Bestandteile werde ich mich wieder auflösen, und Neues kann entstehen.
Es war nicht der beste Einfall der Natur uns Menschen hervor gebracht zu haben. Von Beginn an hat sich der homo sapiens bei seiner Erfolgsgeschichte als ein Lebensvernichter betätigt und ausgelebt. Zuerst rottete er die großen Tiere aus (Zeit der Jäger und Sammler), verarmte dann die übrige Pflanzen- und Tierwelt drastisch (die Argrargesellschaften), und der Industriemensch will offenbar den Rest erledigen. Nur tote Menschen sind gute Menschen.

Soll der Mensch in Furcht und Hoffnung leben? Teil III

Alles, was lebt, folgt dem Trieb der Selbsterhaltung und der Entfaltung des eigenen Seins. Es ist der Lebensprozess des fortdauernden Fressens und Gefressen Werdens. Alles ist in Sorge um seine kleine Existenz und in der Angst um seine eigene Sicherheit. „Die Selbstliebe und der Wille, am Leben zu bleiben und sich zu bewahren, ist angeboren und ebenso der Widerwille gegen die Auflösung.“ ( Seneca Epistula 82,15)
Was die Pflanzen angeht, so ist interessant, wie selbst bei ihnen der Vitaltrieb erkennbar Furcht und Hoffnung mit sich führt. Hoffnung auf Wachstum und Licht, Furcht vor den zahlreichen Fressfeinden. Pflanzen kommunizieren bekanntlich durch Düfte miteinander, und es gibt Beispiele, dass sie durch eine gezielte Abgabe von Düften sich auch gegenseitig warnen können.
Man konnte zum Beispiel beobachten, wie eine Ansammlung gleicher Bäume sich vor dem Einbruch durch eine Elefantenherde ‚verabredete‘ – durch die gleichzeitige Absonderung übler Gerüche, die den Elefanten die Lust an diesem Futterplatz nahmen.
Wenn nun also Todesfurcht und Lebenshoffnung naturgesetzlich tief in jedes Lebewesen eingepflanzt sind, so wird dies zunächst einmal bedeuten, uns darüber klar zu werden, in welcher Weise wir als Menschen damit umgehen sollen. Im Gegensatz zu den Tieren und Pflanzen verfügen wir ja über mehrere Möglichkeiten:
– wir können Gefühle, ja auch Triebe (zeitweilig) verdrängen,
– wir können Mythen bilden, die unser Gemüt ausrichten und formen, vorhandene Gefühle werden agitiert,
– wir können auf kognitiven Wegen immerhin eine ‚weise‘ Distanz gewinnen.
Philosophisch betrachtet hat Letzteres eine orientierende Bedeutung. Gegen unsere Egotriebe und Egogefühle machen wir die Stimme der Vernunft geltend. Unser Ego mit all seinem Drum und Dran ist ja sicherlich ein hoch bedeutender Wesensteil von uns, bis zu einem gewissen Grade können wir aber Übergreifendes reflektieren und uns auf ein Selbst besinnen, das mehr als nur Ego ist.
Gerade bei der Betrachtung unseres Todes besteht eine gute Gelegenheit für diese Übung. Dieses meditare mortem, die Besinnung auf den größeren kosmischen Zusammenhang, in welchem unser kleines Leben steht, sowie die Besinnung auf unser eigenes geistiges Sein, ist dann ein längerer Prozess. Verdrängen und Tabuisieren hilft nicht, wir müssen uns mit dem Tod konfrontieren. (Siehe zum meditare mortem auch LF 2 (3).)
Wenn Dieter Birnbacher (Birnbacher, Tod, 2017) herausarbeitet, der Tod sei für uns eine Gestaltungsaufgabe geworden, so bedeutet das auch, dass wir unsere Gefühle der Hoffnung und der Furcht zu gestalten haben. Birnbacher, S. 134 ff., beschäftigt sich folgerichtig mit der Todesfurcht und auch mit der Lebenshoffnung als einer Gestaltungsaufgabe.
Wir sterben ja nicht schlicht wie die Pflanzen und Tiere. Wir Menschen sind Sinnsucher; auch unsere Gefühle suchen Sinn. Insofern sind die religiösen Angebote mehr als verständlich. Und Martin Heideggers existenzialontologisches Sinnangebot entspringt letztlich dem gleichen Bedürfnis. Die Sinnsuche in einer pluralistischen Gesellschaft von heute trifft indes auf höchst unterschiedliche Angebote. Welches dieser Angebote verschafft dir die gewünschte emotionale Distanz?
Der angesehene amerikanische Philosoph Richard Rorty war zeitlebens antireligiös. Heftig hat er den Klerikalismus in seinem Land gegeißelt. In den amerikanischen Kleinkirchen gibt es ja vielerorts jenen fanatischen Fundamentalismus in Religionsfragen. Gleichwohl musste auch Rorty anerkennen, dass Religionen in der Sinnfrage ein Vakuum füllen. Die Ausrichtung allein an der Rationalität vermag dieses Vakuum nicht auszugleichen.
Das Angebot der christlichen Religion ist aufwühlend, hoffnungsfroh und furchterregend. Hinzu kommen die klerikalen Bevormundungen. Aber sich vertrauensvoll religiös zu binden, kann Sicherheit vermitteln und eine gute geistige Heimat sein.
Als Menschen werden wir stets Ideale postulieren, wollen wir uns geistig immer auf ein Zukünftiges hin entwerfen, und wir wollen dieses Zukünftige dann auch erreichen. Das ist der Hoffnungspol, dem wir folgen.
Dieses als positiv empfundene Gefühl der Hoffnung, wird indes sogleich konterkariert von dem negativen Gefühl der Furcht. Es ist dies ja ein notwendiges Korrektiv gegenüber illusionären Versprechungen. Jede Hoffnung ist unsicher, und jede Unsicherheit erzeugt Angst. Beim Alterssuizid entsteht indes ein durchaus neues Daseinsgefühl, auf irgendeine Zukunft kommt es im Grunde nicht mehr an.
Vielleicht können robuste Naturen dieses Hin und Her der Gefühle abwehren, sie vollziehen ihren Freitod einfach so. Sie wählen sich ein äußerliches Kriterium. „Wenn ich dies oder das nicht mehr kann …“
Die anderen kommen in einen Konflikt mit ihren Egogefühlen und Egotrieben. Wenn Goethe in seinen Faust im Teil I sagen lässt, „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“, so hat diese Klage eine irreführende und eine bedenkenswerte Seite. Natürlich haben wir keine zwei ‚Seelen‘, aber unser Ego und unser Alter Ego sind in einem ständigen Dialog miteinander. Das festzuhalten klingt ein wenig trivial, ist aber für ein bewusstes meditare mortem sehr wichtig.
In meinem Buch (Leng, Die Dimensionen der Demut, 2015) habe ich für diese zweite Instanz jenseits des Ego den Terminus, das ‚Selbst‘, gewählt. Von diesem Selbst aus kann eine Egoverminderung versucht werden. Gut erscheint mir auch der angelsächsische Ausdruck ‚charakter‘ zu sein, weil in ihm die Prozesshaftigkeit des Ganzen vielleicht deutlicher wird. Das Ego mag etwas ziemlich Festes sein, das Selbst nicht; es ist ständig im Fluss. Die Rede von einem ‚Ich‘ lassen wir dabei besser fallen.
So mag Lebenskunst auch zu einer Sterbekunst werden, ohne dass von einer „Seele“ gesprochen werden muss, die dann von diversen Autoritäten festgestellt, ausgemalt und auf eine ewige Zukunft hin entworfen wird. Es genügt und es ist schön, in dem Bewusstsein zu sterben, in einen fortwährenden Erneuerungsprozess eingefügt gewesen zu sein.
Sich auf den Weg der Selbstfindung zu begeben, ist etwas anderes als in der hergebrachten Weise sein Seelenheil zu suchen. Charles Taylor (Quellen des Selbst, 1996) hat in einer umfangreichen Studie aufgezeigt, wie tiefgreifend dieser Wandel zu einer Selbstfindung und Selbstbestimmung in der Moderne sich vollzog. Es ist der Weg in eine neue Identitätsbildung.
Furcht erzeugt Hoffnung und Hoffnung erzeugt Furcht. Wenn du deine Freitodabsicht in dir wachsen lässt, wirst du sehr wahrscheinlich deine diesbezüglichen Gefühle intensiver registrieren. Das kann auch einigen Spaß machen. Gefühle schwanken und du mit ihnen. (Vgl. LF 9)
Du kannst spüren, wie die Hoffnung im Sinne eines „eigentlich geht es doch noch …“ ansteigt, wie du von einer gewissen Lebenslust doch eingefangen wirst. Aber auch der nagende Lebensüberdruss wird sich melden. Natürlich meldet sich schließlich auch der Verstand, sollte er wenigstens.
Es ist eine komplexe Gemengelage, denn es gibt da kein wirkliches Zentrum in dir. Kants Rede von einer „Person“ war eine viel zu statisch angelegte Begrifflichkeit. Mit begrifflichen Systematiken kommen wir nicht weiter. Auch in deinem Inneren gibt es keine übergeordnete Instanz, keinen Souverän. Das Universum selbst hat ja auch kein Zentrum. Alles ist gelebte, gewollte und bewegte Vielfalt.

Unsere frühen Vorfahren lebten in und mit dieser Vielfalt mehr oder minder distanzlos. Ihr Animismus ist gegenüber den späteren  theistischen Religionen indes nicht als eine primitivere Spiritualität anzusehen. Die Menschen haben sich damals  –  und darin waren sie auch weise  –  der Natur und der ‚Welt‘ nicht gegenüber gestellt. Sie haben nicht wie wir abstrahiert, sich nicht in begrifflichen Konstruktionen verfangen, sie waren noch nicht ‚Subjekt‘.

Im Freitod können wir uns allerdings beweisen, dass wir über die geistigen Möglichkeiten verfügen, ein ansonsten natürliches Fatum selbst zu gestalten. Wir sind dabei aber irgendwie gehemmt. Bei unseren anderen vielfältigen Eingriffen in natürliche Abläufe besteht diese Hemmschwelle so gut wie gar nicht mehr. Verwunderlich.
Und immer wieder stellt sich jenseits aller Gefühle und Befindlichkeiten die Sinnfrage. Macht es noch Sinn weiter zu leben oder ist es nicht sinnvoller, jetzt loszulassen? Wir müssen dabei indes nicht nach einem übergeordneten Sinn fragen, so wir dies nicht wollen.
Autonomie und Selbstbestimmung gelten natürlich nicht absolut. Als politische Tiere (so Aristoteles) sind wir eingebunden in ein Netz sozialer Pflichten. Säkulare Gegner des Freitods werden stets das ‚Gesellschaftsargument‘ ins Feld führen. Zumindest aber auf den Alterssuizid bezogen stehen ihre Argumente indes auf etwas wackeligen Füßen. Siehe auch LF 2.
Mächtigere Geschütze werden von denen aufgefahren, die um unser Seelenheil bemüht sind. Hier gilt es, uns über unsere emotionalen Einfallstore im Klaren zu sein und sehr kritisch auf die verwendete Sprache und ihre Begrifflichkeiten zu achten. Indem z. B. die christliche Religion das Grundgefühl der Hoffnung zu einer „Tugend“ erklärt hat – zu hoffen wird dir also vorgeschrieben – hat es unsere Zukunftsängste und damit auch unsere Todesangst außerordentlich verstärkt.
Unser Bedürfnis nach ‚Sinn‘ macht uns halt über alles Maß hinaus manipulierbar. Man könnte die Tiere beneiden, scheinen sie doch nicht so grundlegend emotional unzufrieden zu sein, wie wir Menschen es sind. Wir Menschen wollen ständig über uns hinaus kommen, auch über unseren Tod. Ängstlich, neugierig und illusionistisch sind wir.
Der Mythos kann uns so leicht bannen. Er bedient sich unserer eingefleischten Sehnsüchte. Nehmen wir von den vielen Gedichten und Sentenzen zur Sehnsucht und ihrem Doppelgesicht, geprägt von einem lustvollen Erwarten und eben auch von einem leidvollen Unerfüllt Sein einmal einen Ausspruch des alten Thomas von Aquin: „Des Menschen Sehnsucht geht dahin, ein Ganzes und Vollkommenes zu erkennen.“
Ein naiver Erkenntnisoptimismus. unserer Sehnsucht geschuldet und vom Mythos bedient..
Ach und dann gibt es noch dieses gesellschaftliche ‚Man‘. Im Wege der Sozialisation werden wir ins ‚Man‘ integriert. Weitverbreitet ist zum Beispiel die Auffassung, wer „Selbstmord“ begeht, ist krank. Das ‚Man‘ differenziert nicht gern.
Wer sich schlicht am ‚Man‘ orientiert, hat nach Heidegger kein Selbst im eigentlichen Sinne. „Zunächst ‚bin‘ ich nicht ‚ich‘ im Sinne des eigenen Selbst … zunächst ist das Dasein ‚Man‘ und zumeist bleibt es so.“
Heidegger wählt also die Begrifflichkeit von einem „eigenen Selbst“, und dieses Selbst kann sich nur realisieren, wenn es einen Freiraum zur Selbstbestimmung hat. So sieht es ja auch unser Grundgesetz. Der selbstbestimmte Tod macht indes für das ‚Man‘ keinen Sinn, weil der Tod keinen Sinn zu machen scheint, es sei denn, er wird verknüpft mit einer besonderen Heilslehre. Da die christliche Heilslehre den ‚Selbstmord‘ aber verdammt hat, wird es schwer mit der mit der Selbstbestimmung.
Wie gesagt, Pflanzen leben und sterben, die Tiere leben und sterben, Menschen aber wollen mehr, sie wollen ‚Sinn‘. Dieser Sinn soll dann ein hoch geistiger, ein übernatürlicher sein. Erfolgreiche Bevormunder werden uns immer erzählen, wir müssten geistig über uns hinauskommen, und ein höheres Sinnangebot halten sie auch stets bereit. Das fraglos Höhere, das unbedingt Wahre, das Absolute lässt uns vertrauen. Vertrauen zu haben ist ein schönes Gefühl. Wir wollen nicht als „Verlorene“ sterben.
Aber es gibt doch auch ein grundsätzliches Vertrauen in das Große und Ganze mit allen seinen Unzulänglichkeiten, einfach so. Es ist, wie es ist, wir können in Ruhe sterben, weil alles irgendwie in allem aufgehoben ist. Wer hat uns dieses kindliche Urvertrauen ausgetrieben? (Siehe auch LF 3 (2)
Der Kosmos bedarf der Zuschreibung einer menschlichen Sinngebung nicht. Wir können unsererseits einfach mal davon ausgehen, in der bestmöglichen aller Welten zu leben, wie dies auch der große Leibniz meinte und dies dann in einer höchst vertrackten Weise mit seiner Monadenlehre versucht hat zu begründen. Bei Leibniz und vielen anderen „Aufklärern“ zeigt sich unser anthropomorphes Ordnungsdenken überdeutlich, während später C. G. Jung dahin kam sagen, „Das Unerwartete und das Unerhörte gehört in diese Welt.“
Vertrauen in das ‚große Geheimnis‘ zu haben, dazu werden wir schließlich auch in der Bibel aufgefordert. Zum Beispiel in Römer 11,13: „Oh welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege.“
Wir stehen halt auf einem schwankendem Grund, müssen dies demütig hinnehmen und auch Vertrauen haben. So war Montaigne fasziniert von der Macht der Schicksalsgöttin Fortuna. Ihr Füllhorn und ebenso ihr Schicksalsruder bestimmen nach ihm unser Leben. Fortuna zeigt sich uns indes als launisch und unberechenbar. Der christliche Hochgott greift dabei offenbar überhaupt nicht ein. David Hume (vgl. LF 4 (2) argumentierte zu Recht, dass wir einen Gott, der durch ständige Abwesenheit glänzt, doch auch nicht fürchten müssen.
Furcht und Angst lähmen uns da, wo wir keinen Sinn sehen. Indem die Furcht uns in die Hoffnung reibt, treibt uns die Hoffnung in „ziellose Erwartungen“ (Epikur).
Akzeptieren wir, dass Leben und Tod kontingent sind. Warum muss es immer diesen einen „höheren“ Sinn geben? Natürlich wollen wir sinnvoll und nicht sinnlos leben, die Notwendigkeit einer Sinngebung liegt uns vor den Füßen. Gut so, wir versuchen unser kleines Leben sinnvoll zu gestalten, wozu eben für Philosophen auch die Gestaltung des eigenen Todes gehört.
Der besonnene Mensch „begehrt nichts zu sein, als was er ist.“(Hermann Hesse) Furcht und Hoffnung werden uns immer begleiten, aber wir können mit einer gewissen Sturheit alle abblocken, die mit Eifer versuchen diese beiden Egogefühle in uns hoch zu kochen.
Demokrit und Epikur haben das Ziel benannt, jene innere Heiterkeit, jene innere ‚Wohlgemutheit‘, die Euthymia, die uns dazu verhelfen kann, unser Leben und unseren Tod nicht so schrecklich wichtig zu nehmen.

LF 6 (2) Die Todesfurcht als Maske

Besonders in dem Aufsatz, Soll der Mensch in Furcht und Hoffnung leben? (s.d.) wurde deutlich, wie sehr besonders in der Religionsgeschichte unsere kleine Todesfurcht mythologisch aufgeblasen wurde. Mit Ängsten zu spielen, ist bekanntlich ein verlockendes Spiel.
Die beiden großen Stoiker, Epiktet und Seneca benutzten das Bild von der Maske, um deutlich zu machen, dass die Todesfurcht lediglich eine aufgesetzte Irritation ist.
Epiktet:
„So wie die Masken den Kindern – wegen ihrer Unerfahrenheit – furchterregend und schrecklich erscheinen, so sind wir (die Erwachsenen) in ähnlicher Weise und aus den gleichen Gründen wie die Kinder durch Schreckgespenste betroffen … Was ist der Tod? Eine unheimliche Maske. Nimm sie ab – siehe da, sie beißt nicht.“
Seneca:
„Was du bei Kindern feststellen kannst, das widerfährt auch uns etwas größeren Kindern: Sie fürchten sich vor denen, die sie lieben, an die sie sich gewöhnt haben, mit denen sie spielen, wenn sie sie maskiert erblicken; nicht nur Menschen, sondern auch Dingen muss die Maske abgenommen und ihr eigentliches Gesicht zurückgegeben werden.“
Das eigentliche Gesicht des Todes aber ist seine Belanglosigkeit. Mit dieser Sicht Montaignes lässt sich deutlich besser leben und sterben.