Ein paar Gedanken vorab

von Horst

Auf der Startseite steht: „Das Leben nehmen“. Eigentlich gehört Dein Leben doch Dir, denkst du. Also hast auch nur du allein das Recht, es Dir zu nehmen. Oder? Schon sind wir mittendrin im Wust der ungeklärten Gemütslagen, den man auch gerne „Seele“ nennt. Allgemein wird geglaubt, der/die Einzelne besitze zwar sein Leben, das sei sein grundlegendes Eigentum, wie Locke meinte, – aber am Ende wird es uns weggenommen. Von Gott, oder vom Schicksal, oder vom Teufel, oder von wem auch immer. ´Mein Tod gehört mir` (so auch der Titel eines klugen kleinen Buches von Svenja Flaßpöhler, 2013), das wird als eine bornierte und freche, ja sündhafte Behauptung abgewiesen.

Schon merkwürdig, dass ich etwas, was mir gehört, mir nicht nehmen darf. Aber man kann es ja auch so sehen zu sagen, dein Leben gehört gar nicht Dir, es gehört Gott, dem Staat, der Familie, der Gesellschaft, wem auch immer. Wir werden das aufzugreifen haben.

Jeder Freitod sollte „wohlerwogen“ sein.
Wie sieht es aktuell bei Dir aus? Ist Dein Denken und Vorstellen akut von Suizidabsichten besetzt? Dann bist Du hier falsch. Dir geht Pathologisches durch den Kopf. Dir hilft kein Lesen, Du brauchst Gespräche, Gespräche. Telefon
0800-1110111 (auch anonym)

Wir verhandeln hier den Freitod als einen Bilanz- und Alterssuizid. Dieser eigentliche Freitod fristet noch das Dasein eines Mauerblümchens, die pathologischen und die Verzweiflungssuizide überwiegen eindeutig. Und viele scheitern.

Die sorgfältig geplante Freitodabsicht klingt anders: „Alles war mir letztlich angemessen, ich hatte ein reiches, ein schönes Leben. Aber nun ist es gut. Es wird Zeit zu gehen.“ Eine schöne kleine Broschüre in dieser Tonlage hat Ines Moll-Schmidhäuser geschrieben, Aus freiem Willen gehen, DGHS-Schriftenreihe Nr. 14.
An ein bestimmtes Alter ist natürlich auch der Bilanztod nicht geknüpft, natürlich spielt auch die körperliche und geistige Verfassung eine gewichtige Rolle. Es kann dann auch halt zu spät sein. Hast du Deinen Bodensatz an Verdrängungen kritisch im Blick?

Weitgehend gilt der Freitod noch als ein Tabu. Aber der Tod schlechthin wird ja auch weitgehend tabuisiert. Zumindest solange er für uns noch nicht wirklich da ist. Hernach folgen die salbungsvollen Worte. Eine klarere, nüchterne Betrachtungsweise kommt aber voran, besonders seit dem Beginn dieses Jahrhunderts.

Traditionell besaß der „Selbstmord“ als heroische Ausnahme von der Regel zwei Rechtfertigungen: zum einen die verlorene „Ehre“ (das letzte Duell in Deutschland wurde 1937 ausgetragen) zum zweiten gab es und gibt es den gewollten (?) Opfertod (die christlichen oder sonstigen Märtyrer/innen). Den einen wurde Respekt zuteil, die anderen hat man oft bewundert.

Beides ist in unserer demokratischen Zivilgesellschaft nahezu verschwunden. Zugleich aber sehen wir, wie grausam eine künstliche, medizinisch-technische Lebensverlängerung sein kann, mit all ihren Ermahnungen zum Durchhalten – eine neue Version des Opfertods? Werden wir Opfer einer Instrumentalisierung?
In der Antike wurde Hegesias als „Selbstmordprediger“ bekannt (Peisithanatos =„der zum Tod Überredende“). In dessen Fußstapfen wollen wir nicht treten. Wir sind keine Suizid-Prediger und hoffentlich auch frei davon, uns in aller Eitelkeit mit einem interessanten Thema ins Schaufenster zu stellen. In aller Geringfügigkeit wollen wir uns an einem Kulturwandel beteiligen, wie er bereits eingesetzt hat: den Tod zu entmythologisieren.

Bleib also locker und halte lächelnd Distanz zum Reden der Leute.
Der Schritt in den mors voluntari, in den Freitod, ist wahrlich nicht leicht, gerade auch beim Alterssuizid nicht. Selbst wenn du das Gerede der Leute , so ein „Selbstmord“ sei doch abwegig, hinter dir gelassen hast, musst du Dir noch viel Selbstsicherheit, auch Demut (nimm Dich und Dein kleines Leben nicht so wichtig…) und Tapferkeit aneignen.
An der Debatte um den sogenannten assistierten Suizid wollen wir uns nicht beteiligen. Auch in der Schweiz, wo es Exit gibt, wird diese Debatte in aller Heftigkeit geführt. Für uns hier im Blog ist diese Debatte ein Nebengleis. Menschen, denen beispielsweise auch von ärztlicher Seite „ein unerträgliches Leiden“ eingeräumt wird (und die in Deutschland trotzdem nicht sterben dürfen, stattdessen u. U. sediert werden) betteln, so sie ihre Lage klar erkennen, um den Verzweiflungssuizid.

Bewahre Dir die Freiheit, aus eigenem Entschluss zu gehen.

Du hast ein Recht auf Leben, klar. Aus diesem Recht kann aber keine Pflicht zum Leben ableitbar sein. Unsere Bevormunder in der Suizidfrage spielen mit Tabus, mit Deinen Ängsten, auch mit Deiner Autonomie und Deinem Selbstbestimmungsrecht. Und sie stützen sich dabei unterschwellig auf den Vitaltrieb, den Selbsterhaltungstrieb, wie er sich mit aller Heftigkeit zu melden pflegt.

Ach, da fällt uns gerade ein weiser Satz des römischen Dichters Lukrez ein. “Neues Vergnügen bildet sich nicht durch längeres Leben.“ Ja, es gibt das überlange Leben. Seneca sah es bei den Toren, und er hoffte, auch diese würden noch weise werden. Bisher vergeblich.

Albert Camus meinte, „Die Frage nach dem Selbstmord ist das wichtigste philosophische Problem überhaupt.“ Warum? Weil es wirklich schwierig ist, ein Urteil (also auch emotional) darüber zu fällen, wann ein Leben „satt“ ist, wann es nicht mehr lebenswert ist. Die Menschen laufen vor dieser Frage in aller Regel davon.
Der konsequente Entschluss zum Freitod wird immer ein einsamer sein. Es ist keine gesinnungsethische Entscheidung. Da würdest du Gefolgsleute finden oder dich anschließen. Es ist eine verantwortungsethische Entscheidung. Du wirst dabei mit verkrusteten Denkweisen, Tabus, Ängsten und Verdrängungen konfrontiert, wie sie auch zäh in dir selbst leben. Von einem gelassenen Verhältnis zum Tod sind wir noch sehr weit entfernt.

Manches hier im Blog ist wenig geordnet, manches vielleicht auch unausgegoren, und es wird sicherlich auch rethorische Wiederholungen geben. Diese Wiederholungen werden wahrscheinlich aber auch den Schreiberlingen selbst gut tun. Das Sterben kann man nicht übend lernen, weil es ein einmaliger Vorgang ist. Aber man kann sich in die Gedankenwelt eines freien und würdevollen Sterbens wiederholend mehr und mehr hineinbegeben.

Die wichtigsten Leitfragen, die uns bei den Beiträgen Orientierung geben,finden Sie nebenstehend.

LF 2 (8) Wann wird es beim Sterben eine Autonomie geben?

Friedrich Nietzsche war sich wohl bewusst, dass seine Predigt „Vom freien Tod“ unzeitgemäß war. „Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste feiert.“
Aber es ist ein Kulturwandel im Gange, wenn auch erst seit 20 – 30 Jahren. Thomas Macho hat ihn fundiert herausgearbeitet; das Thema, selbstbestimmt sterben, wird uns nicht mehr verlassen.
Als ein früher Gegner jener Auffassung, die Kirche, der Staat und die Standesorganisation der Ärzte hätten ein heiliges Recht, jedwede Form des Suizids zu untersagen, kann der amerikanische Rechtsphilosoph Ronald Dworkin gelten. Bereits 1993 veröffentlichte er eine Schrift zu dieser Frage.
Eines der Hauptargumente Dworkins lautet, wir würden einem Missverständnis aufsitzen, wenn wir davon ausgehen, man müsse einen Schwerkranken auf jeden Fall und mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, lebensverlängernd „bearbeiten“. Man könne doch ebenso die andere Perspektive einnehmen, dass wir ihm mit diesen Maßnahmen, wenn sie eben doch im Grunde gegen seinen Willen sind und intensiver und intensiver erfolgen, Schaden zufügen, also seelisch und körperlich übergriffig werden.
„Wenn wir verstehen, warum und in welcher Weise es Menschen wichtig ist, wie und wann sie sterben, erkennen wir, dass … (ein solcher Übergriff) … falsch und gefährlich ist. … Darauf zu bestehen, dass ein Mensch auf eine Art und Weise stirbt, die nach Meinung anderer (sic !) richtig ist, für ihn jedoch in einem gravierenden Widerspruch zu seinem Leben steht, ist eine Form menschenverachtender Tyrannei.“ (Dworkin)
1997 veröffentlichte Ronald Dworkin zusammen mit den bekannten Moralphilosophen, Thomas Nagel, Robert Nozick, John Rawls u. a einen offenen Brief, der drei Grundsätze enthält:
1. Jede kompetente Person hat das Recht, aufgrund grundlegender religiöser oder philosophisch Überzeugungen über das eigene Leben zu entscheiden.
2. Es kann sein, dass in einer spontanen Situation unter emotionalem Druck Entscheidungen im Widerspruch zu langfristigen Einstellungen stehen. Es kann daher gerechtfertigt werden, dass der Staat Bürger gegen sich selbst vor einem spontanen Selbstmord schützt.
3. Daraus folgt nicht, dass ein Sterbenskranker zu einer Verlängerung seines Lebens gezwungen werden sollte.
Siehe dazu Dworkin in der Wikipedia. Dworkins Bunch hat den Titel An Argument about Abortion, Euthanasia and Individual Freedom, dt. 1994. Die Zitate sind entnommen dem Auszug in, Gibt es einen guten Tode?, bei Reclam.

LF 3 (3) Das wohl älteste Zeugnis der Suizidliteratur

– stammt aus dem Mittleren Reich im alten Ägypten. Es ist der Streit eines Lebensmüden mit seiner ‚Seele‘. Was hierbei unter der Seele verstanden wird, ist für uns Heutige etwas fremdartig, darauf kommt es aber hier nicht an. Die Art, wie das Grundthema aufgegriffen wird, ist bis heute klassisch. Der Lebensmüde führt in seinem Inneren ein kontroverses Zwiegespräch.
Der eine Teil in ihm will sterben, der andere Teil will ihn davon zurückhalten. Der des Lebens überdrüssige Teil hat keine Mühe, darauf zu verweisen, wie schlecht die hiesige Welt ist und wie schlecht die Menschen auf ihr sind. So heißt es:
„…die Sanftmut ist zugrunde gegangen,
die Frechheit ist zu allen Leuten gekommen;
…vernachlässigt wird das Gute an allen Orten;
…es gibt keine Gerechten,
…die Erde ist den Übeltätern überlassen;
…es gibt keine Zufriedenen,
…ich bin mit Elend überladen und ermangele eines Vertrauten.“
Kurzum, dieses Leben hier ist nicht lebenswert. Offenbar handelt es sich um einen bereits recht alten Mann, „der Sieche ist der (mir) Vertraute.“
Die „Seele“ aber will ihn, der diese Welt verlassen will, zurück halten. Sie steht für den Lebenstrieb und die Lebenslust. Manches mag vielleicht beklagenswert erscheinen, man dürfe aber nicht so negativ gestimmt sein und solle das Leben, so wie es ist, ertragen. Hierbei zitiert die „Seele“ einen Trinkspruch, der bei den damaligen Gelagen wohl in Mode war: „Folge dem frohen Tag und vergiss die Sorgen.“
Was der Lebensmüde vorgebracht hat, wird also nicht akzeptiert. Der Mensch habe sein sicher auch leidvolles Leben doch zu ertragen, christlich gesprochen, er habe auszuharren.
Hinzu kommt ein Weiteres. Vor dem ersehnten Eintritt in das Totenreich, das im alten Ägypten als das Reich des Osiris ein sehr angenehmes war, musste man vor dem furchterregenden Totengericht bestehen. Ebenso ja auch im Christentum, Jesu: „Fürchtet euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern die Macht hat, euch auch noch in die Hölle (die gehenna) zu werfen.“ (Lukas 12,5 ) Auch im alten Ägypten verfehlte die Drohung mit dem Totengericht ihre Wirkung nicht.
Dieser des Lebens überdrüssige alte Ägypter will sich gleichwohl mit seinem mors voluntari von der diesseitigen Welt befreien, in der er sich sinnlos gefangen sieht. Nicht sein Tod sei das Übel, sondern gefangen zu sein in einer üblen Welt. Ein Motiv, das später in der Stoa eine große Rolle spielt.
„Der Tod steht heute vor mir,
wie wenn jemand sein Haus wiederzusehen wünscht,
nachdem er viele Jahre in Gefangenschaft verbracht hat.“
Und er malt sich aus, wie schön der Tod doch sein kann. Ja, der Tod ist auch schön.
„Der Tod steht heute vor mir,
wie wenn ein Kranker gesund wird,
wie wenn man nach der Krankheit ausgeht.
Der Tod steht heute vor mir,
wie der Geruch der Lotusblumen,
wie wenn man auf dem Ufer der Trunkenheit sitzt.“
(Gemeint ist ein Gelage.)
Die gängige Rede, das Leben sei in jedem Fall lebenswert, und der Tod sei das große zu fürchtende Übel, wird also umgekehrt. Übel ist der Zwang, leben zu müssen. Unsere Geburt hat uns ja ungefragt in dieses Leben hineingeworfen. Nach einem gelebten Leben aber können wir frei entscheiden, was denn nun besser für uns ist, das Weiterleben oder die Zuflucht zu Osiris.
„Der Tod steht heute vor mir,
wie der Geruch der Myrrhen,
wie wenn man am windigen Tage unter dem Segel sitzt.“
(Also nicht rudern muss.)
Quelle: Adolf Erman, Die Literatur der Ägypter, Leipzig 1923, reprografischer Nachdruck 1971.

LF 1 (4) Erasmus von Rotterdam

„Wer aber waren vornehmlich diejenigen, die sich aus Lebensüberdruß selbst den Tod gaben? Waren es nicht die Freunde der Weisheit? … Ihr seht wohl nun, was geschehen würde, wenn der Durchschnittsmensch sich einfallen ließe, weise zu sein.“
Zitiert nach Svenja Flasspöhler, Gibt es einen guten Tod? philosophie Revlam 2018, die die Frage anfügt, „Was wenn der Suizid ein durch und durch vernünftiger Akt wäre? Welche Folgen hätte dies ganz praktisch?“